Na de revolutie – DE (I)

 

Aber auch Krebs

 

Meine Eltern haben Mühe, mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Bei der Verhütungsdebatte bekamen sie es mit Vertretern eines uneinnehmbaren Bollwerks zu tun – diesmal ist es umgekehrt. Kein klerikaler Starrsinn, keine Blockadehaltung, sondern Reformen, die die Kirche selbst initiiert. Eines ist sicher in Baarn: Die restaurativen Bemühungen des Vatikans, die zur Ernennung der Bischöfe Simonis und Gijsen geführt haben, bleiben hier ohne nennenswerte Auswirkungen.

Zunächst befürworten mein Vater und meine Mutter den Ansatz des progressiven Priesters. Sogar als er bei einem „Happening“ eine Beatband in der Kirche auftreten lässt. Ein Sakrileg, denn rigoros wird das Sanktuarium freigeräumt. In knallbunten Outfits versammeln sich die Bandmitglieder um den Altar, auf dem majestätisch ein Schlagzeug mit vier Toms und einigen glänzenden Becken prangt. Da wo sonst das Ziborium, der geweihte Hostienkelch, steht, befindet sich jetzt die rostige Fußmaschine der großen Bassdrum.

Beim Auftritt muss der Schlagzeuger aufpassen, seinen Hocker nicht zu weit nach hinten zu schieben, denn einen Sturz konnte keiner der Beteiligten gebrauchen. Doch der Marmormonolith tut auch in diesem speziellen Fall gute Dienste. Noch am Wochenende hatte sich auf dem Tisch des Herrn das Wunder der Konsekration vollzogen, hatten sich Brot („das ist mein Leib“) und Wein („das ist mein Blut“) in eine heilige Manifestation von Jesu göttlicher Natur verwandelt. Heute dient der Altar als erhöhtes Podest für einen Musiker, dessen Mähne der des Schlagzeugers Tier aus der Muppet Show in nichts nachsteht.

Als der Priester jedoch paranormale Gaben an sich entdeckt, verlieren meine Eltern das Vertrauen. Es beginnt ganz bescheiden. Gemeindemitglieder berichten, dass sie von Krankheiten erlöst sind, seit der Geistliche ihnen die Hand aufgelegt hat. Die Heilung geschieht durch die von ihm so genannte „Bilokation“: Wenn sich das geistliche Oberhaupt auf das körperliche Leiden seiner Gläubigen konzentriert, spürt er nach eigenen Angaben an der Stelle ihres Schmerzes eine glühende Wärme im eigenen Körper. Auch ihn befremde das, aber der Effekt ist nicht zu leugnen: dem leidenden Gläubigen geht es anschließend eindeutig besser.

Überrascht vom eigenen Erfolg beginnt der Baarner Geistliche, das leibliche Wohl seiner Gemeindeglieder in seine Seelsorge mit einzubeziehen. Er organisiert Gebetssessions, die regional, später auch landesweit auf Interesse stoßen. Von nah und fern zieht es Adepten zum spirituellen Mentor meiner Eltern, das Wochenblatt Nieuwe Revu berichtet Anfang der Achtzigerjahre, in die Stadt an der Eem könne man bei den unterschiedlichsten Leiden: „Rückenschmerzen, Heuschnupfen, Migräne, aber auch Krebs.“

1990 setzt der wundertätige Priester dem Leidsche Dagblad seine Beweggründe noch einmal auseinander: „Es gehört einfach dazu. Als Priester hat man den Auftrag, das Evangelium zu verkünden und Kranke zu heilen. Daran halte ich mich. Mit paranormal hat das nichts zu tun. Es ist nur so natürlich, dass es übernatürlich scheint. Ich bin kein Heiler, sondern spende als Priester Sakramente, die wirken.“

Die Maria-Koningin-Kirche macht mit dem Krankendienst kein schlechtes Geschäft. Vor allem der Verkauf von geweihtem Öl, das unter kränkelnden Kirchgängern sehr beliebt ist, erweist sich als lukrativ. Schon bald können die hohen Schulden der Gemeinde bis auf den letzten Cent abbezahlt werden. Der heilende Priester bietet sogar telefonische Beratung an, was allerdings kritisch gesehen wird. Denn wie kann jemand über das Telefon die Hand auflegen? In der Vereinigung gegen die Quacksalberei (VtdK) findet er einen entschiedenen Gegner. Wiederholt taucht sein Name in den Veröffentlichungen des renommierten Verbands auf, und das Urteil lässt keinen Zweifel: ein Scharlatan.

Nutzt es nicht, so schadet es auch nicht

Dass das Bistum nicht eingreift, hängt mit der Zunahme evangelischer Initiativen innerhalb der katholischen Kirche zusammen. Sie werden geduldet und finden in der Charismatischen Erneuerung (CE) eine ideologische Heimat. Dieser Dachverband lässt internationale Heilungsevangelisten in der Überzeugung gewähren, dass vertiefte Frömmigkeit eben auch zu physischer Erlösung führen kann. Gebet und Heilung sind ebenso wie Spiritualität und Befreiung Kernbegriffe einer neuen Religiosität, die stark auf das persönliche Glaubenserlebnis ausgerichtet ist.

In diesem Kontext fällt der Baarner Seelenhirte nicht weiter aus der Reihe. Er verkörpert eine Gesinnung, die typisch für bestimmte kirchliche Kreise in den Siebzigerjahren ist. Auch im Eemland passiert also nichts Neues unter der Sonne, obwohl der Heilmeister selbst das natürlich anders sieht. Im Leidsche Dagblad stellt er sich nicht als Trendfolger, sondern als Trendsetter dar, und auch für die Zurückhaltung des Bischofs hat er eine Erklärung:

Ich denke, sie trauen sich nicht, gegen mich vorzugehen. Das wäre zu viel Reklame. Seit ich mit der Krankenseelsorge angefangen habe, habe ich von meinen kirchlichen Kollegen niemanden mehr gesehen. Sogar von meinem eigenen Orden habe ich nichts mehr gehört. Das macht einen, trotz der unvergleichlich schönen Arbeit, die ich mache, ganz schön einsam.

Meine Eltern wissen nicht, wie sie dem gekränkten Priester in seiner Isolation beistehen sollen. Wie auch viele andere Gemeindemitglieder halten sie ihn für einen Fantasten. Der dokternde Priester verbittert und überhäuft argwöhnische Gemeindemitglieder mit Vorwürfen. Nach einiger Zeit ist die Kluft zwischen beiden Seiten unüberbrückbar.

Die katholische Kirche hat in Baarn zwei Gesichter. Einerseits ist sie die konservative Institution, mit der meine Eltern von klein auf vertraut sind und die sie in der Nicolaas-Gemeinde repräsentiert sehen. Andererseits sind da die dynamischen Impulse, die von der Maria-Koningin-Gemeinde ausgehen. Sie wecken eine Begeisterung, die bei meinem Vater und meiner Mutter anhält, bis sie dem Oberhaupt auf seinem charismatischen Weg nicht mehr folgen können.

 Schließlich fühlen sie sich heimatlos, hin und her gerissen zwischen dem Vatikan, der an einer überholten Vergangenheit festhält, und einer Kirche, die in einer haltlosen Gegenwart selbst die Orientierung verliert. Meine Eltern hätten ihre Mitgliedschaft in der römisch-katholischen Kirche zwar beenden können. Aber ein Austritt und damit ein offizieller Abfall vom Glauben kommt für sie nicht infrage.

Sie werden Teil der wachsenden Schar von „U-Boot-Christen“, die zwar noch an Fest- und Feiertagen oder bei Hochzeiten und Beerdigungen in der Messe auftauchen, faktisch aber passive Gemeindemitglieder sind. Diese Entwicklung ist charakteristisch für die sogenannte Entsäulung. Während in den Niederlanden um 1960 weniger als zehn Prozent der Gläubigen als kirchenfern galten, sind dies zu Beginn der Achtzigerjahre mehr als zwei Drittel der Katholiken. Argwöhnisch beobachten mein Vater und meine Mutter das Geschehen aus einigem Abstand, aber vorläufig gilt: Nutzt es nicht, so schadet es auch nicht.

Zerbrochenes Porzellan und lautes Gläserklirren

Die letzte Sonntagsmesse, die wir mit der ganzen Familie besuchen, endet mit einem Knall. Irgendwann im Herbst 1978. Es ist einer dieser Tage, an denen ich mich in einer vielleicht typisch katholischen Fähigkeit übe: mit einem Ohr zuhören. Die lange Predigt interessiert mich nicht, ich drifte in meine eigenen Gedanken ab, achte aber darauf, nicht völlig aus dem Hier und Jetzt zu verschwinden.

Dadurch merke ich, dass meine Eltern immer unruhiger werden. Hinter dem Altar fallen Worte, die mit Berührungen und Energieströmen zu tun haben. „Jetzt ist Schluss!“, zischt meine Mutter in Vaters Richtung. Beim Verlassen der Kirche geben sie dem Priester nicht die Hand, wie sie es an den meisten anderen Sonntagen tun. Mit großen Schritten stapfen sie zu dem Opel Ascona, der weiter hinten in der Straße steht. Dass sie sich aufregen, ist überdeutlich. Große Gesten und abrupte Bewegungen.

Ob es da klug ist, dass sich meine Mutter ans Steuer setzt? Seit einiger Zeit übernimmt sie nach der Kirche den Heimweg, denn nach der ersten Dordogne-Reise waren wir uns einig, dass das Mobilitätsmonopol meines Vaters ein Ende haben muss. Den Führerschein hat sie zwar noch nicht, aber nach knapp hundert Fahrstunden (und zwei nicht bestandenen Prüfungen) beherrscht meine Mutter das Auto nach eigener Aussage gut genug, um uns sonntagmorgens sicher durch die leeren Straßen zu chauffieren. Mein Vater sitzt neben ihr. Seine Linke ruht auf der Handbremse, sodass er im Notfall den Hebel hochreißen kann.

Wir auf dem Rücksitz sind einiges gewohnt. Auch heute beschweren wir uns nicht über den aufheulenden Motor, den verbrannten Geruch der Kupplungsscheiben oder das heftige Ruckeln, wenn meine Mutter schaltet. Auf dem Weg zum tiefer gelegenen Komponistenviertel fahren wir durch prächtige Alleen und repräsentative Villenviertel. Nicht gerade langsam, Platz ist ja genug da. Als meine Mutter in einer leichten Kurve mit geübten Fingern den Kegel ihrer Zigarette über dem Aschenbecher abklopft, passiert es.

Mit nur einer Hand am Steuer kann sie dem Straßenverlauf nicht folgen. Das Auto prallt gegen den Bordstein und fährt über den Gehweg. Dank des beherzten Eingreifens meines Vaters kommen wir zum Stehen. Zwar knapp vor einem gusseisernen Gartentor, aber mit dem Getöse von zerbrechendem Porzellan und klirrendem Glas. Ausgestiegen merken wir, dass der Wagen in einen Stapel Teller und zwei Kisten mit Gläsern gefahren ist.

Alles stand für die Müllabfuhr bereit, die am Montag früh ihre Runden durch Hoog Baarn dreht. Mit vereinten Kräften bringen wir etwas Ordnung in das Chaos. Dann steigen wir schnell ins Auto, das zum Glück keinen Schaden genommen hat. Aus einem Haus, das hinter einem dreißig Meter tiefen Vorgarten liegt, werden wir interessiert beobachtet. Jetzt setzt sich mein Vater ans Steuer. Vorsichtig manövriert er das Auto vom Gehweg, und nach einem letzten Blick auf den Trümmerhaufen setzen wir die Fahrt fort. Es ist ein seltsamer Tag, denn mit dem Geschirr scheint auch der Katholizismus meiner Eltern zu Bruch gegangen zu sein.

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Na de revolutie, Kapitel 11 (Auszug), S. 202-207
Übersetzung: Anne Habermann

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