Duschküchentoilette
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Die Geschichte der Bildung nach 1900 ist voller Superlative. Immer mehr Menschen sind immer länger in Ausbildung, dadurch steigt das Bildungsniveau mit jeder Geburtskohorte. Zwar gibt es für Frauen anfangs weniger Möglichkeiten als für Männer, aber im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts beginnen sie aufzuholen, und inzwischen schneiden Frauen in Schule und Universität besser ab als die ehemaligen Spitzenreiter.
In meiner Familie manifestiert sich ebenfalls eine auch in qualitativer Hinsicht zunehmende Bildungsteilhabe. Meine Großmütter besuchten nur die Volksschule. Meine Großväter wurden nach der Volksschule in der Näherei und auf dem Baugerüst weiter auf ihr Berufsleben vorbereitet. Die nächste Generation überholte sie, denn meine Eltern entschieden sich beide für das Lehrerseminar. Sie arbeiteten nicht mehr mit den Händen, sondern mit dem Kopf. Und die dritte Generation überholte wiederum die zweite. Meine Brüder, meine Schwester und ich gehen alle vier zur Uni.
Bei unseren Altersgenossen ist studieren sehr beliebt. Jeder dritte Babyboomer erwirbt einen Universitäts- oder Hochschulabschluss. In der Altersstufe meiner Eltern sieht das anders aus. In der Kriegskindergeneration beendet nur einer von acht seine Ausbildung mit einer vergleichbaren Qualifikation.
Die Tochter des Ladenbesitzers
Ein höheres Ausbildungsniveau verbessert die Aufstiegschancen. Der Arbeitersohn wird Betriebsleiter und übernimmt die Führung über Männer, in denen er seinen Vater wiedererkennt; die Tochter des Ladenbesitzers entscheidet als neue Bankdirektorin über die Darlehen der kleinen und mittelständischen Betriebe, mit deren Inhabern sie aufgewachsen ist. Die Grundfesten der Klassengesellschaft, an denen in der Jugend meiner Eltern noch nicht gerüttelt wurde, beginnen dadurch zu bröckeln.
Diese Veränderungen geschehen nicht über Nacht. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg entwickeln sich die Niederlande stetig in Richtung Meritokratie, in der nicht ascription (Ansehen aufgrund von z.B. Herkunft), sondern achievement (die eigene Leistung) den sozialen Status bestimmt. Gruppenidentitäten verlieren dadurch an Bedeutung. Die mehr oder weniger identischen Lebensläufe, wie sie Bert Haanstra in Alleman skizziert, gehören der Vergangenheit an, die Menschen planen ihren Lebensweg jetzt selbst. Es entstehen „Wahlbiographien“.
Dieses Konzept suggeriert, man hätte sein Schicksal zumindest teilweise selbst in der Hand. Jeder ist seines Glückes Schmied, wie mein Vater immer sagte. Durch die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen wird harte Arbeit für viele Mitglieder meiner Generation ein selbstverständliches Credo. Doch in einer Welt, in der intelligente und fleißige Menschen das Sagen haben, droht eine neue Ungleichheit. Nicht die der Geburt, sondern aufgrund der bei uns allen unterschiedlich ausgeprägten intellektuellen Fähigkeiten. Dass die eine Krämerstochter den Weg nach oben schafft und die andere nicht, bleibt in gewisser Weise Zufall.
Als ich im Sommer 1981 meine Bücher für das erste Studienjahr bei Buchhändler Broese Kemink auf der Stadhuisbrug abhole, haben solche Überlegungen keine Rolle gespielt. Baarn, Hilversum, Utrecht: das Leben zieht mit Grundschule, Gymnasium und Universität konzentrische Kreise, ich kann meinen Horizont kontinuierlich erweitern. Als Student pendle ich eine Zeitlang zwischen meinem Elternhaus im Komponistenviertel und dem Kunsthistorischen Institut in Utrecht. Schon lang vor den Weihnachtsferien geht mir die Fahrt mit dem Bummelzug (Baarn – Soestdijk – Soest – Soest Zuid usw.) so auf die Nerven, dass ich beschließe, mir ein Zimmer zu suchen.
Zur Sprache kommen
Mit dem Entschluss, von zu Hause auszuziehen, stehe ich nicht allein da. In den Achtzigerjahren entscheiden sich zwei von drei Studierenden für ein selbständiges Leben im Wohnheim oder, wenn es nicht anders geht, bei einer Zimmervermieterin. Bei kleinen Zimmern ist der Druck auf den Markt groß, die Wartelisten für staatlich subventionierte Unterkünfte sind lang. Als Einsteiger gibt man sich daher auch mit wenig zufrieden.
Ich lande bei einer Vermieterin im Utrechter Dichterviertel, einem in den Zwanzigerjahren erbauten Stadtteil nur wenige Gehminuten vom Zentrum. In einer Straße mit geschlossener Häuserreihe besitzt sie ein Haus mit drei Stockwerken: Erdgeschoss, erster Stock und ausgebautes Dachgeschoss. Meine Vermieterin ist nicht sehr beliebt. Warum, weiß ich zunächst nicht. Beim Bäcker oder im Supermarkt kommt sie regelmäßig zur Sprache: „Sind Sie nicht der neue Mieter aus der 41 …?!“
Als ich beim Fischhändler anstehe, erzählt mir eine Nachbarin in verschwörerischem Tonfall, die Frau, der ich meine monatlichen Abgaben bar bezahle, sei eine ehemalige Prostituierte. Aus der Zeit, behauptet zumindest meine Gesprächspartnerin, habe sie noch ein paar alte Bekannte. Einige kenne ich mit Namen, oder besser gesagt, mit Spitznamen: Segelohr und Kawasaki-Koen. Letzterer half mir einmal bei der Reparatur meines Fahrrads, das sich neben seinem glänzenden Motorrad recht bescheiden ausnahm.
Den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte habe ich nie überprüft. Doch bei der Übergabe der übrigens nicht ganz unerheblichen Miete springen mir unwillkürlich die großen Spiegel und eine mit rotem Plüsch bezogene Chaiselongue ins Auge. Fest steht, dass meine Vermieterin ihr Einkommen aufbessern will. Sie selbst lebt im Erdgeschoss, das aus einem geräumigen offenen Raum und einer bescheidenen Küche besteht. Im ersten Stock und unterm Dach wohnen insgesamt vier Untermieter. Wenn man ehrlich ist, ist das einer zu viel, sodass für die zweite Küche und das Badezimmer der Untermieter eine abenteuerliche Lösung gefunden werden musste.
Da nur noch ein Raum von zweieinhalb auf drei Metern zur Verfügung stand, wurden hier nach langem Hin und Her sämtliche erforderlichen Vorrichtungen untergebracht. An der rechten Wand steht der Gasherd, daneben die Duschkabine und die Toilette. Direkt gegenüber der WC-Schüssel mit dem altmodischen Spülkasten befindet sich das Spülbecken, in dem man sich auch die Zähne putzen kann, links davon ein hoher Kühlschrank, dem sich, praktisch gegenüber dem Herd gelegen, der zweitürige Vorratsschrank anschließt. Wer glaubt, die Multifunktionalität wäre damit erschöpfend beschrieben, der irrt. Denn das schmale Zimmer ist auch noch der Durchgang zu einer kleinen Dachterrasse, die die Mieter gemeinsam nutzen.
So kann man auch wohnen, denke ich, als ich das Zimmer besichtige, das ich zwei Wochen später mein Eigen nennen darf. Tatsächlich funktioniert es eigentlich ganz gut, da unter den Mietern niemand das ungeschriebene Gesetz infrage stellt, die Toilette nicht zu benutzen, wenn jemand kocht. Manchmal muss man sich also gedulden – aber daran gewöhnt man sich. Außerdem ist es ratsam, die Zubereitung von mehrgängigen Menüs rechtzeitig anzukündigen. Wenn alle mitmachen, lässt es sich mit einer Duschküchentoilette durchaus leben.
Prompt aufgetaucht
Nach vier Monaten ändert sich die Situation. Einer meiner Mitbewohner zieht fürs Studium in eine andere Stadt, an seiner Stelle kommt Frau Lambertsch, mit sch geschrieben, erklärt sie, aber Lamberts ausgesprochen. Meine neue Nachbarin ist eine zerbrechlich wirkende ältere Dame, höchstens 1,55 Meter groß und weit über sechzig. Sie will sich von ihrem Mann, der nicht viel größer ist als sie selbst, scheiden lassen. Regelmäßig fährt er in einem winzigen, aber hingebungsvoll aufgemotzten Autobianchi vor. Die Kofferraumhaube schmücken Aufkleber von Reisezielen im In- und Ausland, die die beiden, davon ist zumindest auszugehen, in besseren Zeiten als Paar besucht haben.
Zunächst bin ich voller Mitgefühl für Frau Lambertsch, denn aus ihren langen Gesprächen mit dem verstoßenen Ehemann und dem unvermeidlichen Schluchzen nach seiner Abreise schließe ich, dass die Entzweiung auch sie sehr mitnimmt. Doch meine Empathie ist nicht von langer Dauer, denn die neue Mitbewohnerin hält sich nicht an das ungeschriebene Gesetz. Im Gegenteil. Sie unternimmt, so wirkt es, den Gang zur Toilette vorzugsweise genau dann, wenn einer von uns am Herd steht.
Wir drehen das Gas runter, damit die Tomatensauce oder die Fleischbällchen unbeaufsichtigt weiterköcheln können, und verlassen widerwillig die Duschküchentoilette. Beim ersten Mal bin ich zu überrascht, um etwas zu sagen, nach dem zweiten Mal erkläre ich Frau Lambertsch, dass wir eine andere Lösung finden müssen, aber als sich beim dritten Mal herausstellt, dass sie gar keinen Grund sieht, ihr Verhalten zu ändern, habe ich die Nase voll.
Ein paar Tage später passiert es wieder. In meiner Pfanne liegen zwei prächtige Forellen, ich möchte Eindruck auf eine Person machen, der ich im Stillen mein Herz geschenkt habe. Und prompt taucht die Nachbarin auf. Ich stelle mich in die Tür und mache ihr klar, dass es gerade nicht passt. Selbst bin ich zwar inzwischen auf Unterbrechung meiner kulinarischen Aktivitäten vorbereitet, aber was wird meine Besucherin denken? Vielleicht ist ihr die Mahlzeit sogar zuwider – was nicht gerade hilfreich wäre, unsere Bekanntschaft in amouröse Richtung weiterzuentwickeln. Nein, dieses Mal bin ich nicht zu Kompromissen bereit.
Mit „eine Frau in meinem Alter“ und einer ganzen Reihe anderer Einwände versucht sie, mein energisches Eingreifen abzuschmettern. Ich höre gar nicht zu und kontere: „Frau LambertSCH, klettern Sie von mir aus auf Ihr Waschbecken!“ Als einziges ist ihr Zimmer nämlich mit solchem Komfort ausgestattet. In meiner Wut stoße ich den Namen der Nervensäge mit sch hervor. Natürlich ist es inakzeptabel, eine ältere Dame so zu behandeln. Aber was bleibt mir übrig?
Unter wiederholtem Fluchen – die kleine Person hat ein beeindruckendes Organ – eilt sie die Treppe hinunter. Nicht nur um die Toilette der Vermieterin zu benutzen, sondern auch um sich über mein Verhalten zu beschweren. Die beiden sind seit Jahren befreundet, der weitere Verlauf ist also nicht weiter überraschend. Vor Ende des Monats muss ich mein Zimmer räumen, ich sei ein unmöglicher Mieter.
Und wieder wird mir vorgeworfen, dass ja ein neuer Kühlschrank angeschafft werden musste. Das stimmt, mea culpa. Aber ich habe schon alle Kosten erstattet, weil ich mir in diesem Fall einer besonderen Verantwortung bewusst war. Als das Gerät abgetaut werden musste, ist ihm nicht gut bekommen, dass ich das Eis im Gefrierfach mit Hammer und Meißel abschlagen wollte. Ich traf versehentlich ein Rohr, aus dem unter bedrohlichem Zischen einige Liter FCKW entwichen.
Halb so schlimm, wie es aussieht, versichere ich meiner wutschnaubenden Vermieterin. Das Gas riecht zwar unangenehm, gefährdet aber nicht die Gesundheit. Zumindest wurde mir das gesagt, als ich mich in meiner ersten Panik an die Utrechter Feuerwehr wandte: „Stellen Sie das Gerät eine Stunde lang zum Lüften ins Freie!“ Wo ist also das Problem? Wie auch immer, nach dem vulgären Streit über Frau Lambertsch‘ sanitäre Bedürfnisse ist mein Auszug unvermeidlich. Ich bin fest entschlossen, nicht noch einmal in eine Unterkunft mit Duschküchentoilette zu ziehen.
Na de revolutie, Kapitel 15 (Auszug), S. 259-265
Übersetzung: Anne Habermann
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